Reinhard Loock: über René Buschners Fotoausstellung „Karussell“

Das Wesen der Photographie ist nicht, wie Roland Barthes gesagt hat, der Tod, sondern der Ausschnitt. Der Photograph bewegt sich durch die Welt, wendet sich hierhin und dorthin und wenn er etwas sieht, das zu einem Bild werden soll, dann hält er inne. Unermesslich vielfältig sind die Möglichkeiten, etwas zu zeigen. Sobald er nur den Kopf wendet, erscheint in seinem Sichtfeld etwas anderes, ein anderer Zusammenhang der sichtbaren Dinge; und wenn er sich gar weiterbewegt, dann ist es, als würde mit jedem Schritt eine neue sichtbare Welt entstehen. Diesen lebendigen Prozess des Sehens unterbricht das Auslösen, durch das das Photo entsteht. An die Stelle des Unermesslichen unserer Wahrnehmung der Welt tritt die Begrenztheit und Fixiertheit des photographischen Bilds, das den Moment für immer festhält (daher der unvermeidliche „Tod“, auf den Barthes hinweist). Jedes Photo läuft also schon strukturell Gefahr, Ausdruck einer stummen und damit entfremdeten Beziehung zur Welt zu sein.

Will der Photograph die Unermesslichkeit der Welt nicht an die Mortifizierung durch den erstarrten Ausschnitt verraten, dann muss dieser Ausschnitt so gestaltet werden, dass die Erfahrung des Unermesslichen für den Betrachter erhalten bleibt. Der Ausschnitt muss, mit einem Begriff des Jenaer Soziologen Hartmut Rosa gesagt, eine Resonanz ermöglichen, d.h. den Betrachter in einen lebendigen und nicht-entfremdeten Dialog mit dem Sichtbaren versetzen, der etwas zum Klingen und Sprechen bringt, was nicht durch den Betrachtenden selbst erzeugt werden kann, sondern für ihn unverfügbar ist. Man kann das Werk René Buschners als ein Experiment lesen, der Gefahr der verstummenden Erfahrung in einem erstarrten, fixierten Ausschnitt zu begegnen und durch eine resonante Beziehung die Unermesslichkeit der Welt in den Bildern von dieser Welt zu bewahren. Dabei entwickelt er eine Vielfalt von Verfahrensweisen, durch die die bildlichen Gestaltungsmöglichkeiten des Unermesslichen erkundet werden.

So schreibt Buschner selbst über seine „Galerie“-Fotoserie, es gehe in ihnen darum, „kleine, unscheinbare Dinge sichtbar zu machen“. Diese Photos reproduzieren also nicht sichtbare Weltdinge, sondern sie machen durch ihre Ausschnitthaftigkeit überhaupt erst das sichtbar, was für unseren Normalblick zu unscheinbar und zu „arm“ ist, um gesehen zu werden bzw. Aufmerksamkeit zu erfahren. Denn es handelt sich um Dinge, die zu nutzlos und zu unspektakulär für unseren alltäglichen funktionalen Weltbezüge sind. Es wird also eine alternative Welt und Lebensweise sichtbar, die durch die Bedingungen des modernen Lebens verdrängt wird. Eine andere Variante der transformierenden Kraft des Bilds zeigt sich in der „Rausch“- Serie. Sie zeigt die rauschhaften Unterwasser-Erfahrungen, die mit dem Eintauchen in die Tiefe eines anderen Elements und Mediums verbunden sind. Die Andersartigkeit der strudelnden Unterwasserwelt verbindet sich mit einer Verwandlung, in der das objekthafte Körperding als ein spürender Leib sichtbar wird, der mit seinem Element verschmolzen ist – eine Körpererfahrung, die uns in unseren alltäglichen Lebensbedingungen und Lebensvollzügen verschlossen bleibt (mit Thomas Fuchs könnte man sagen, dass in der modernen Welt der Körper „als Gegenstand, als sicht- und greifbares Objekt, als ein Instrument“ gegenüber dem
„subjektiv gelebten Leib“, der das „Lebendige, Gelebte und Gespürte“ enthält, in den Vordergrund getreten ist).

Links:
www.rensen.photography
www.instagram.com/rensen.photography

Termine:
Ausstellungszeitraum: 27.03.2026 – 28.06.2026
Vernissage: 27. März 2026 / 19 Uhr
Finissage: 28. Juni 2026 / 16 Uhr

Öffnungszeiten: donnerstags von 17 bis 18:30 Uhr (Künstler vor Ort) sowie zu jeder Veranstaltung im TRAFO.

Gefördert von JenaKultur, IN´S NETZ e.V., FV „Ein KUNSTHAUS für JENA e.V.“,